Transident

Mein Blog über Transidentität (Transsexualität)

Beginn der Hormonersatztherapie

| Keine Kommentare

Heute habe ich mich auf den Weg zu meinem Endokrinologen gemacht. Da dieser nicht hier in der Stadt praktiziert löse ich mir zuerst online ein Zugticket und bereite soweit alles für diesen wichtigen Arzttermin vor. Noch einmal schlafen und dann ist es soweit…

Am nächsten Morgen kann ich es kaum noch erwarten. Aber ich versuche Ruhe zu bewahren, richte mich wie immer (vermutlich dusche ich mich noch reinlicher als sonst) und gehe anschliessend so ruhig wie möglich zur Arbeit. Ich habe im Geschäft den Arzttermin schon am Vortag eingetragen und meine Vorgesetzten informiert, dass ich deswegen den halben Tag abwesend sein werde.

Der Zeitpunkt an dem ich zum Termin gehen muss rückt immer näher. Ich räume meinen Arbeitsplatz auf, verabschiede mich und mache mich einerseits nervös andererseits berauscht vor Vorfreude auf den Weg zum Endokrinologe. D.h. zuallererst noch 2.5 Stunden Anfahrt mit dem Zug hinter mich bringen. Aber ich kann die Zeit die ich im Zug habe trotz der inneren Nervosität und Aufregung gut gebrauchen um meine Gefühle und Gedanken zu sortieren. Und schlussendlich gelingt es mir doch noch ein wenig entspannen..

Endlich da! Ich fahre noch ein paar Stationen mit dem Bus und bin innert Minuten dort. Mein Herz pocht und es fällt mir schwer meine Gedanken im Zaum zu halten und mich zu fokussieren.

Und bevor ich mich recht versehe sitze ich auch schon im Wartezimmer der Praxis. Wie wird der Termin wohl ablaufen?

Die nette Sprechstundenhilfe bittet mich zuerst ins Labor, wo schon die ersten Untersuchungen durchgeführt werden.

Es wird Blut genommen und in etlichen Glasröhrchen gesammelt, mein Blutdruck gemessen, das Gewicht kontrolliert… Bis ich mich schlussendlich wieder anziehen darf. Die Sprechstundenhilfe bittet mich erneut darum im Wartezimmer platz zu nehmen.

Bin ich gesund genug im mit der Hormonersatztheraphie zu beginnen? Wie lange wird es dauern bis ich nach der heutigen Untersuchung das Rezept für die unendlich lang ersehnten Medikamente bekomme? Es gehen mir tausend Fragen durch den Kopf… Ich schaue zum Fenster des Warteraumes hinaus, versuche mich zu nicht noch nervöser zu machen als ich eh schon bin und beobachte die Menschen, die unten auf dem Platz vorbeigehen.

Und plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel, wie jemand kommt. Ich erkenne ihn wieder, den Menschen, den ich schon auf Fotos und auf Videos im Internet gesehen habe. Er ist es… ! Er kommt in den Wartebereich und spricht mich mit meinem Namen an. Ich komme mir vor wie eine Teenagerin, die einen Rockstar trifft und bekomme fast kein Wort hinaus. Ich antworte mit einem kurzen „Ja“, versuche kurz zu lächeln und begrüsse ihn. Ihn, der zusammen mit meinem Psychologen zu den wenigen Menschen gehört, die für uns Transidente im deutschsprachigen Mitteleuropa schon so unendlich viel getan haben. Zu den Menschen für die ich so viel Achtung und Dankbarkeit empfinde!

Er bittet mich in sein geschmackvoll eingerichtetes Sprechzimmer, bietet mir einen Platz an und beginnt mir Fragen zu stellen, auf die ich möglichst präzise und so ausführlich wie nötig antworte.

Er stellt mir viele Fragen zu meiner Person, meinem sozialen Umfeld, zu meiner Transidentität und unzähliges mehr…

Er macht mich anschliessende auf alle Wirkungen der künftigen Medikamente aufmerksam und dass diese zu einer z.T. irreversiblen Verweiblichung des Körpers führen werden. Und er möchte von mir bestätigt haben, dass ich mir das voll und ganz bewusst sei, was ich natürlich bejahe.

Ich muss nun noch ein Formular unterschrieben, auf welchem diese Punkte nochmals schriftlich aufgeführt sind. Aber dies mache ich noch so gerne.

Nun bittet er mich darum mich frei zu machen um weitere Untersuchungen durchführen zu dürfen. Und schon werde ich komplett untersucht. Von Kopf bis Fuss wird alles genauestens in Augenschein genommen. Aber ich habe trotz der sehr intimen Untersuchungen ein gutes Gefühl und fühle mich gut aufgehoben.

Und schon sind die Untersuchungen auch schon wieder vorbei und ich darf mich anziehen. Während ich mich anziehe denke ich für mich, dass es ein schöner Zufall war, dass ich gestern noch zuhause Pediküre gemacht habe…

Nachdem ich mich wieder angezogen habe bittet er mich darum dass ich wieder bei seinem Schreibtisch platz zu nehmen. Nun kontrolliert er meine Laborwerte, welche in der Zwischenzeit auch schon da sind.

Er schaut mich an, beginnt zu lächeln und sagt mir, dass soweit alles bestens sei. Er geht nach draussen und holt einen ersten Satz an Medikamenten  aus welchen meine künftige Hormonersatztheraphie bestehen wird aus der Praxis internen Apotheke und stellt diese anschliessend auf den Schreibtisch.

Er meint, dass soweit alles in Ordnung sei und ich von ihm aus gesehen per sofort mit der Hormonersatztheraphie beginnen kann…

Für mich sind diese Worte wie Weihnachten, Ostern und alle anderen Feiertage zusammen! Ich darf endlich regulär mit der Hormonersatztheraphie beginnen. Ich könnte zugleich weinen und lachen vor Freude. Er erklärt mir nun nochmals in Ruhe und ganz ausführlich die Anwendung und Wirkungen der einzelnen Medikamente und auf was ich dabei speziell achten muss. Nach diesen Erläuterungen fühle ich mich gleich sicher in der Anwendung der neuen Medikamente und ich kann es kaum mehr erwarten mit der Medikation zu beginnen.

Aber ich habe mir vorgenommen, dass ich diese zusammen mit meiner lieben Frau machen möchte. Und nun kommt es auf diese paar Stunden auch nicht mehr darauf an.

Er fragt mich, ob es noch Unklarheiten gäbe oder ob ich noch weitere Fragen habe, was ich für den Moment verneine. Er möchte noch einen Termin für das nächste Labor vereinbaren, da von nun an diverse Werte regelmässig überwacht werden müssen. Es wird mir einmal mehr die Stärke und Nebenwirkungen der Medikamente einer solchen Hormonersatztheraphie vor Augen geführt obwohl ich schon im Vorfeld genauestens darüber Bescheid wusste.

Aber Medikamente wie die der Hormonersatztheraphie und andere angleichende Massnahmen, welche künftig kommen werden sind für mich die letzte Hoffnung auf ein Stück Normalität in meinem Leben! Und so nehme ich diese Nebenwirkungen gerne und absolut diskussionslos in Kauf.

Ich verabschiede mich von meinem Endokrinologen. Er ist persönlich noch viel beeindruckender als ich ihn mir aufgrund der Berichte, YouTube Videos und den anderen Medien, welche ich gelesen und gesehen habe, vorgestellt habe. Ich gehe beschwingt zu Fuss von der Praxis zum Bahnhof und könnte dabei die ganze Welt umarmen.

Ich bin überglücklich, dass ich in den wichtigen Disziplinen wie z.B. psychologische Betreuung oder jetzt eben in endokrinologischen Belangen solch kompetente Fachpersonen um mich weiss, welche aber nicht nun fachlich sehr gut sind, sondern sich auch exzellent mit Transidentität auskennen. Und zudem sind es Menschen… Ganz liebenswerte Menschen mit dem Herz am richtigen Fleck!

Als ich wieder zuhause bin warte ich zusammen mit meiner Frau einen ruhigen Moment ab und ich beginne in ihrem Beisein mit der Hormonersatztheraphie. Es ist ein solch bewegender Moment für mich endlich regulär und kontrolliert die Medikamente nehmen zu dürfen, welche mir einen für mich ganz wichtigen Hoffnungsschimmer auf ein Stück Normalität in meinem Leben geben!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.